Manifesto
Mathias Schönsee
Ein Mensch zu werden
Als Schüler saß ich träumend im Theater und sah meinem ersten „Hamlet“. Es ist etwas schwer Fassbares an dieser Tragödie, in der Menschen sich seit Jahrhunderten erkennen. Während ich zusah, wurde ich Teil dieses Rätsels: Was ist an Hamlet, das uns so berührt? Würde ich dieses Rätsel lösen, wenn ich einmal das Stück inszeniere? Wie wird der Hamlet aussehen, wenn ich der Regisseur bin?
Die damalige Aufführung enttäuschte und inspirierte mich zugleich. Sie erschien mir zu normal, nicht phantastisch genug, ich erging mich in der angenehmen Vorstellung, was ich alles anders machen würde und naturgemäß viel besser. Aber die Schauspieler liebte ich. Der Hamlet hatte etwas Unerwartetes, eine Leichtigkeit, die dem romantischen Bild vom melancholischen Grübler so gar nicht zu entsprechen schien. Und erst seine Mutter! Einmal schlich ich mich nach der Pause ohne Ticket in den Rang des Schauspielhauses, nur um die große Ilse Ritter noch einmal den Monolog über Ophelias Tod sprechen zu sehen. Vielleicht ahnte ich schon damals, dass die Ideen des Regisseurs gar nicht das Wichtigste sind. Sie sind nur ein Prisma, in dem das Strahlen der Schauspieler gebündelt wird.
Als junger Theatermacher war ich Teil einer Hamlet-Produktion. Der Regisseur entfachte eine wilde, ungebärdige Energie im Ensemble, er wollte den Klassiker aus der bildungsbürgerlichen Erstarrung befreien und für die Jugend öffnen. Und das gelang! Die Bühne war düster und hoffnungslos, eine beklemmende Kathedrale, Hamlet ein getriebener Rebell, wie James Dean rasend zwischen Schönheit und Selbstzerstörung. Beim Applaus empörte sich die Hälfte des Publikums mit lautstarken Buhs, die andere Hälfte rief befreit „Bravo“. Und wieder war da diese rätselhafte Berührtheit. Die Jugend strömte in die Aufführung. Ich merkte mir: Man muss das Unerwartete tun. Den Text genau anschauen und sich fragen, was er jenseits der bekannten Auslegungen noch bedeuten könnte, jetzt, zu genau dieser Zeit.
Später, als ich selbst schon Regisseur geworden war, moderierte ich einmal eine Diskussion zu einer Hamlet-Inszenierung. Ich fragte die Regisseurin auf dem Podium, wie sie den Satz verstünde, den Fortinbras am Ende über den toten Hamlet sagt:
Er hätt’, wär er hinaufgelangt, unfehlbar sich höchst königlich bewährt.
Sie hielt das für einen typischen Politikersatz - der Tote wird mit einer warmen Floskel geehrt, dann übernimmt man selbst die Macht im Staat. Mag sein. Aber ich dachte mir, der Autor Shakespeare stellt uns mit diesem Satz eine Frage: Wäre Hamlet ein guter König? Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn sie von einem wie ihm regiert würde?
Schließlich wurde ich gefragt, den Hamlet zu inszenieren. Ich war voller Bilder und Gedanken, die ich in bald vier Jahrzehnten am Theater gesammelt habe. Und trotzdem war die Frage, die ich mir als Schüler träumend gestellt hatte, sofort so frisch wie damals: Wie würde meine Inszenierung aussehen?
Sie sieht anders aus als erwartet. Niemals in all den Jahren habe ich mir diese Inszenierung vorgestellt. Sie entsteht in genau dieser Zeit, von und mit genau diesen Schauspielerinnen und Schauspielern.
Und in dieser Zeit, im Angesicht der neuen Kriege, des weltweit erstarkenden Rechtsextremismus, der Bedrohung durch den Klimawandel: Würde sich ein Hamlet als König bewähren?
Er selbst äußert sich dazu, als Horatio über Hamlets verstorbenen Vater sagt: „Er war ein guter König!“ Da antwortet Hamlet: „Er war ein Mensch in allem, was er tat.“ Ein Mensch zu werden, das kommt für Hamlet also vor dem König sein. Das Menschsein ist ihm die Krone.
Aber was macht uns zu Menschen? Hamlet liebt und tötet und ringt um Verstehen. Und er scheitert. Was ist der Mensch?
Mathias Schönsee
Der liebende Blick
Eine Freundin erzählte mir, wie sie den Vater ihrer Kinder kennengelernt hat: Sie ging im Gespräch mit jemandem durch die Straßen, da lief ein Mann an ihr vorbei, sie schauten sich kurz an. Die Freundin ging zunächst weiter. Doch an der nächsten Ecke sagte sie: „Entschuldigung, ich habe gerade den Mann meines Lebens gesehen.“ Sie kehrte um. Der Mann kam ihr schon entgegen, und sie haben sich sofort geküsst, ohne ein einziges Wort.
Diese „Liebe auf den ersten Blick“ scheint ein wenig aus der Mode gekommen. Wir denken viel über uns nach, erstellen Profile von uns, hinterlegen unsere Wünsche nach dem idealen Partner, berechnen das perfekte „match“. Aber so lange es Liebesgedichte gibt, sind Menschen erfüllt von dem Glauben, dass ihnen an der nächsten Straßenecke die Liebe begegnen könnte. Plötzlich würde ein Mensch sie anschauen, und sie würden zurückschauen. Die Liebe würde vom Himmel fallen wie ein Falke, und von diesem Augenblick an wäre alles klar.
In diesem Augenblick liegt ein großes Erkennen: Ein anderer sieht in mir den einen, den er sucht. Wir verschmelzen miteinander, wie einst das Kind mit dem liebenden Blick der Mutter verschmolz. Da gab es kein Ich und kein Du, nur das Geborgensein in einem großen Wir.
Für jeden von uns ist dieses Wir am Anfang lebenswichtig. Allein kann das Kind sich nicht ernähren, nicht schützen, nicht bewegen. Wenn die Eltern es nicht annehmen, stirbt es. Alleinsein bedeutet Tod. Also tun wir alles, um den liebenden Blick zu gewinnen. Wir lächeln, wir glucksen entzückend und vor allem: Wir schauen zurück mit riesigen Augen, die fragen: Wer bist du? Und dann: Wer bin ich?
Wir hören nie auf, den liebenden Blick zu suchen. Wir laufen durch die Städte und Wälder und blicken in Millionen Augenpaare. Jedes sieht etwas anderes in uns, so sehr wir auch versuchen, wir selbst zu sein, „authentisch“ zu sein, wie wir es heute nennen. Wir hoffen auf dieses eine Augenpaar, das uns mit diesem lebenswichtigen Blick anschaut, der sagt: Ich sehe dich, und du bist der eine, einzige für mich.
Mathias Schönsee
Note zu Werther
Mit der Arbeit versuche ich, mehr Freiheit zu ermöglichen. Darum haben mich die Künstler des „Sturm und Drang“ immer angezogen. Wie die Aufklärer wollten sie „die Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Doch sie pochten darauf, dass der Mensch dazu nicht nur Vernunft braucht, sondern vor allem Herzensstärke - den angstfreien Umgang mit Gefühlen. Sie spürten, dass der mündige Bürger ein fühlender Mensch sein muss. Und sie glaubten, dass das Theater dabei helfen könnte. Von Shakespeare erregt, von ihren Anliegen getrieben, zum Spiel mit neuen Formen aufgelegt machten sie die Bühne zu einem aufregenden, aufrührerischen, unerhörten, zarten und riskanten Ort.
Diesen Ort will ich immer wieder finden, ihn mit jeder Produktion auf's Neue erschaffen. Ein Theater, das zur Freiheit ermutigt. Zunächst die Schauspieler. Und durch sie die Zuschauer. Wenn Romeo und Julia an einer inakzeptablen Wirklichkeit zerschellen, Antigone sich lebendig begraben lässt, Lear neben der toten Tochter verendet, werde ich ganz enthusiastisch, hinaus zu gehen ins Leben und dort ihre gute Sache zu einem gerechteren Ende zu bringen.
Die Freiheit, die ich im Theater suche, beginnt also beim einzelnen Menschen. Denn kein noch so freiheitliches Gesellschaftssystem führt zu wirklicher Freiheit, wenn der einzelne Bürger von Moral beklommen, von Konventionen befangen, von Lebensangst gelähmt, von Komplexen umklammert ist. So sehr die gesellschaftlichen Verhältnisse den Menschen auch prägen und biegen - sie machen ihn nicht zum Dieb oder skrupellosen Manager, nicht zum (Selbst-)Mörder oder Waffenhändler. Dann müssten wir ja bloß das System ändern, um Gewalt, Ausbeutung, Zerstörung der Welt zu beenden. Stattdessen staunen wir immer wieder, weshalb die Katastrophen partout nicht aufhören, weshalb die alten Gespenster stets im neuen Gewand wieder emporsteigen. Offenbar liegen die Wurzeln der Katastrophen beängstigend viel tiefer. Vielleicht hat der brillante Karl Marx eben das unterschätzt: Veränderung geht nicht über das System. Es geht nur über jeden einzelnen Menschen.
„Eingeschränktheit" ist das Wort, das Werther am häufigsten ausspricht, der Zustand, den er am leidenschaftlichsten beklagt. Er fühlt sich eingeschränkt von der Gesellschaft, die Anpassung verlangt; eingeschränkt von der Natur, die seinen Geist in die Grenzen eines bedürftigen Körpers bannt; eingekerkert in einer Existenz, die überall von Endlichkeit umstellt ist. In seiner Phantasie erlebt er sich als ein Wesen unbegrenzter Möglichkeiten. Doch draußen in der Welt, so ruhelos er sie auch durchsucht, fühlt er sich nie frei zu leben. Er glaubt, dass Lottes Liebe ein Ort sei, an dem er unbeschwert und geborgen wäre. Er ahnt wohl, dass dieser Glaube trügt. Er müsste zuerst frei sein, bevor er wirklich lieben könnte. Die Liebe eines unfreien Menschen ist in Wahrheit - Abhängigkeit. Also wieder Einschränkung. Und so gibt es für Werther am Ende nur mehr einen Weg ins Freie.
Aber wir können hinausgehen und seine gute Sache zu einem besseren Ende führen. Wenn wir das Wagnis der Freiheit eingehen. Frei kommt ein Mensch mir vor, der beängstigende Wahrheit erträgt, herzensstark handelt und psychisch in der Lage ist, die Folgen seiner Handlungen zu tragen. Das ist viel verlangt. Vielleicht kann das Theater dabei helfen. Versuchen wir's!