KISS ME, KATE!

Musiktheater von Cole Porter und William Shakespeare.
Bremer Shakespeare Company, Oktober 2008.

Note zu
Kiss me, Kate!
(Noch kein Regiekonzept)

Die Skepsis verstehe ich durchaus. Das Stück hängt in der Schwebe zwischen bollerndem und rührendem Charme, brilliantem und angestaubtem Wortwitz, fabelhaften Songs in manchmal lausigen Übersetzungen und Szenen, deren Situationen durchaus die Anlage zum Aberwitz und zu lakonischer Romantik haben, deren Dialoge aber nicht selten auf Sketch-Niveau bleiben oder schlicht kitschig sind.

Aber ich glaube, man kann aus der Vorlage einen kruden, lustvollen Abend machen, der auch der Company gut steht. Wir müssten die Figuren ernst nehmen, ihre Nöte, Sehnsüchte, Unzulänglich-keiten vertiefen, damit die absichtsvolle Witzigkeit wirklich komisch wird, der Kitsch wirklich anrührend, die vorgespielte Unausstehlichkeit der Figuren wirklich monströs.

Die Armseligkeit dieser Künstler interessiert mich, die immer weiter eine riskante Existenz führen, weil sie immer weiter auf den großen Erfolg hoffen. Oder sich das weiter einreden. Denn im Grunde sind sie Spieler, die sich längst in der Niederlage eingerichtet haben, jedenfalls die ganz großen Karriereträume nicht mehr wahrmachen werden.

Kaurismäkis „Das Leben der Bohéme“ fällt mir ein, diese Trostlosigkeit, der immer wieder unverzagt ein Glück abgetrotzt und abgegaunert wird. Das wäre ein Ansatz.

Aber auf der Bühne fangen diese Halbweltwesen zu Strahlen an. Da zeigen sie in ihrer ganzen Unvollkommenheit etwas, das man ihnen nicht zutraut, wenn man sie Backstage sieht. Das ist, was die so überaus gebildeten Ganoven so beeindruckt: Man kann etwas aus sich machen. Das Theater kann aus gewöhnlichen Menschen etwas wirklich Großartiges machen. Wir liegen in der Gosse, aber wir schauen nach den Sternen.

Und manchmal gibt es dieses Verlangen, bürgerlich zu werden, der Geldsorgen ledig zu sein, ein Teil jener wirklichen Wirklichkeit, die der Politiker gestaltet. Und es nicht nur die Künstler-romantik, die diese Schauspieler davon abhält. Es ist auch die Tatsache, dass sie zu dieser Wirklichkeit so wenig fähig sind wie der Politiker unfähig wäre, Theater zu spielen. Und an dem Punkt werden die Figuren noch tiefer: Zur Freiheit, in der Theaterwelt zu leben, gehört auch die Unfähigkeit, in der anderen Welt klarzukommen. Sie haben gar nicht wirklich die Wahl. Und wenn man das Ende des Stückes so sieht, bekommt die schöne Romantik einen knirschenden Sprung. Das Paar bleibt beieinander, aber ihre Liebe bleibt schwierig.

Man muss sich nur mal Cole Porter-Songs von anderen Interpreten anhören. „So in love“ von K.D Lang z.B. bringt die ganze Unerfüllbarkeit dieser Liebessehnsucht zum klingen. Der Song ist überhaupt keine Schmonzette, wie die vorliegende Übersetzung nahelegt. Es ist der melancholische Ruf eines Menschen, der etwas unbedingt braucht, das es für ihn nicht gibt. So eine Liebe ist das: Es geht nicht mit, und es geht nicht ohne. Es gibt keine Erfüllung, nur Krieg. Leider habe ich das nur auf Schallplatte. Auf der ist auch eine Nummer von Tom Waits „It‘s all right with me“. Er verlegt das getriebene Durchsuchen der Nacht nach einem Abenteuer in die Abgründe der Gossenwelt. Das nimmt Cole Porter alles Gediegene und macht die Dunkelheit unter den schönen Melodien spürbar. Das wäre ein Ansatz.

Porter war ein Homosexueller in einer Gesellschaft, die Homosexuelle verachtete. Ich glaube, er saß zu Hause und ist vor Sehnsucht fast verrückt geworden. So klingen sein Songs. Die äußerste Not in eine Form gießen, kurz bevor der Damm bricht.

In Köln konnte ich einmal nicht schlafen und bin nachts in eine Kaschemme gegangen. Plötzlich wurde ein Podest vor die Tür geschoben, so dass keiner mehr rauskam. Das war die Bühne, sie versperrte den Ausweg. Und ich sah eine Transvestiten-Show. Sie war ganz armselig. Aber diese Männer in Frauenkleidern haben sich ihre Träume erfüllt. Einer kam als komplette, grandiose Frau auf die Bühne und sang: I am what I am. Ich dachte, um Gottes Willen. Aber dann fing er an, sein Kostüm abzulegen. Die Perücke, die falschen Brüste. Und er sang immer strahlender, immer stolzer, mit immer mehr trotziger Würde. Am Ende stand da ein schmächtiger Glatzkopf, an dem Reste von Frauenkleidern herunterhingen. Und der sang wie die Sonne: I am what I am.

Da habe ich dieses Lied zum ersten und einzigen Mal verstanden.

Mathias Schönsee
Berlin, im November 2007