Hamlet
von William Shakespeare
Globe Berlin, 2024
Mathias Schönsee
Ein Mensch zu werden
Als Schüler saß ich träumend im Theater und sah meinem ersten „Hamlet“. Es ist etwas schwer Fassbares an dieser Tragödie, in der Menschen sich seit Jahrhunderten erkennen. Während ich zusah, wurde ich Teil dieses Rätsels: Was ist an Hamlet, das uns so berührt? Würde ich dieses Rätsel lösen, wenn ich einmal das Stück inszeniere? Wie wird der Hamlet aussehen, wenn ich der Regisseur bin?
Die damalige Aufführung enttäuschte und inspirierte mich zugleich. Sie erschien mir zu normal, nicht phantastisch genug, ich erging mich in der angenehmen Vorstellung, was ich alles anders machen würde und naturgemäß viel besser. Aber die Schauspieler liebte ich. Der Hamlet hatte etwas Unerwartetes, eine Leichtigkeit, die dem romantischen Bild vom melancholischen Grübler so gar nicht zu entsprechen schien. Und erst seine Mutter! Einmal schlich ich mich nach der Pause ohne Ticket in den Rang des Schauspielhauses, nur um die große Ilse Ritter noch einmal den Monolog über Ophelias Tod sprechen zu sehen. Vielleicht ahnte ich schon damals, dass die Ideen des Regisseurs gar nicht das Wichtigste sind. Sie sind nur ein Prisma, in dem das Strahlen der Schauspieler gebündelt wird.
Als junger Theatermacher war ich Teil einer Hamlet-Produktion. Der Regisseur entfachte eine wilde, ungebärdige Energie im Ensemble, er wollte den Klassiker aus der bildungsbürgerlichen Erstarrung befreien und für die Jugend öffnen. Und das gelang! Die Bühne war düster und hoffnungslos, eine beklemmende Kathedrale, Hamlet ein getriebener Rebell, wie James Dean rasend zwischen Schönheit und Selbstzerstörung. Beim Applaus empörte sich die Hälfte des Publikums mit lautstarken Buhs, die andere Hälfte rief befreit „Bravo“. Und wieder war da diese rätselhafte Berührtheit. Die Jugend strömte in die Aufführung. Ich merkte mir: Man muss das Unerwartete tun. Den Text genau anschauen und sich fragen, was er jenseits der bekannten Auslegungen noch bedeuten könnte, jetzt, zu genau dieser Zeit.
Später, als ich selbst schon Regisseur geworden war, moderierte ich einmal eine Diskussion zu einer Hamlet-Inszenierung. Ich fragte die Regisseurin auf dem Podium, wie sie den Satz verstünde, den Fortinbras am Ende über den toten Hamlet sagt:
Er hätt’, wär er hinaufgelangt, unfehlbar sich höchst königlich bewährt.
Sie hielt das für einen typischen Politikersatz - der Tote wird mit einer warmen Floskel geehrt, dann übernimmt man selbst die Macht im Staat. Mag sein. Aber ich dachte mir, der Autor Shakespeare stellt uns mit diesem Satz eine Frage: Wäre Hamlet ein guter König? Wäre die Welt ein besserer Ort, wenn sie von einem wie ihm regiert würde?
Schließlich wurde ich gefragt, den Hamlet zu inszenieren. Ich war voller Bilder und Gedanken, die ich in bald vier Jahrzehnten am Theater gesammelt habe. Und trotzdem war die Frage, die ich mir als Schüler träumend gestellt hatte, sofort so frisch wie damals: Wie würde meine Inszenierung aussehen?
Sie sieht anders aus als erwartet. Niemals in all den Jahren habe ich mir diese Inszenierung vorgestellt. Sie entsteht in genau dieser Zeit, von und mit genau diesen Schauspielerinnen und Schauspielern.
Und in dieser Zeit, im Angesicht der neuen Kriege, des weltweit erstarkenden Rechtsextremismus, der Bedrohung durch den Klimawandel: Würde sich ein Hamlet als König bewähren?
Er selbst äußert sich dazu, als Horatio über Hamlets verstorbenen Vater sagt: „Er war ein guter König!“ Da antwortet Hamlet: „Er war ein Mensch in allem, was er tat.“ Ein Mensch zu werden, das kommt für Hamlet also vor dem König sein. Das Menschsein ist ihm die Krone.
Aber was macht uns zu Menschen? Hamlet liebt und tötet und ringt um Verstehen. Und er scheitert. Was ist der Mensch?