Der Richter und sein Henker
Von Friedrich Dürrenmatt
Dramatisierung von Mathias Schönsee
Hamburg, Altonaer Theater 2022
Noten zu:
„Der Richter und sein Henker“
am Altonaer Theater
I
Meine erste Begegnung mit Dürrenmatt hatte ich, wie wohl die meisten, im Schulunterricht. „Der Richter und sein Henker“ faszinierte mich, weil ich die Kriminalgeschichte so überraschend und tiefgehend fand. Aber mehr noch zog mich die Atmosphäre der Erzählung an, die Seltsamkeit einer geordneten, kultivierten Welt, in der etwas nicht stimmt, etwas dräut, im Verborgenen wirkt, zunächst ungreifbar, aber immer spürbar. Es steckt eine Prise Kafka darin. Und selbstverständlich das Lebensgefühl in der alten Bundesrepublik, in der die Häuser wieder aufgebaut waren, Wohlstand und eine neue Ordnung ausstrahlten, aber die Schrecken des Zweiten Weltkriegs noch in den Fundamenten steckten. Dürrenmatt stellt die Verbindung zum Nationalsozialismus ja auch in ein paar Details des Romans her.
Dann las ich „Romulus, der Große“, eine Komödie, in der Roms letzter Kaiser mit seinen Hühnern auf dem Land sitzt und sich partout weigert, seine Truppen zur Verteidigung gegen die herannahenden Barbaren auszusenden. Weil er das große, römische Reich für so hoffnungslos verkommen hält und die Barbaren eher für eine Erlösung als eine Bedrohung. Auch hier war ich begeistert von der Aussagekraft dieser einfachen, hoch originellen Idee. Eine zeitlang wollte ich das Stück inszenieren, aber es kam nie dazu. Ich sah es aber einmal, in Basel. Da kam mitten in der Vorstellung ein Koch mit einem mobilen Herd auf die Vorbühne und zerteilte und briet ein Huhn, wobei er in breitem Schweizerdeutsch sein Rezept erläuterte. Die Szene war mir nicht sympathisch, es roch auch nicht gut im Theater, aber ich habe sie nie vergessen. Es war ein Bild für die kultivierte Barbarei. Der Koch in seiner weißen Kleidung mit seinen gediegenen schweizer Messern und den Kupferpfannen, dazu das Zerteilen, Braten, der Geruch. Das ist ein Thema bei Dürrenmatt - dass im Kultivierten das Barbarische oder Archaische erhalten bleibt. In „Der Richter und sein Henker“ greift ein Kampfhund den Kommissar an, während im Haus Bach gespielt wird.
II
Ehrlich gesagt: Diesen Roman zu dramatisieren, ist nicht besonders schwierig. Er ist spürbar schon für eine Verfilmung geschrieben, das Drehbuch schimmert geradezu durch die Buchseiten. Reizvoll ist eine Übersetzung auf die Theaterbühne immer, weil durch das Spielen der Text ungeahnte Bedeutung entfaltet. Man liest eine Szene im Roman und versteht sie eigentlich ganz gut, auch unter der Oberfläche. Aber dann, beim Schreiben und beim Spielen auf der Bühne merkt man: Ach, das kann der Text ja auch noch bedeuten! Und das hier steckt ja auch noch darin. Das ist immer wieder beglückend: Erkenntnis durch Spiel.
Und so ist es auch mit dem Erfinden der Theaterbilder. In „Der Richter und sein Henker“ wird viel Auto gefahren. Wie erzählen wir das auf der Bühne, wo wir ja kein Auto haben und auch keine große technische Illusionsmaschinerie? Ich frage mich dann: Wofür steht dieses Autofahren? Was bedeutet es in dieser Welt, für diese Figuren? Und so entstehen, immer aus einem genauen Verständnis des Textes, poetische Bilder, die den Text weiter machen, ihm Assoziationen und Gedanken hinzufügen, die wir beim Lesen nicht haben. Da entfaltet das Theater seine schönsten Kräfte. Ich vermeide es allerdings, Hühner zu braten.
III
Der Roman ist eine gut gebaute, gewitzte Kriminalgeschichte mit vertieften Figuren. Aber in der Tiefe ist diese spannende und unterhaltsame Erzählung ein böses Spiel. Eine Versuchsanordnung über das Böse. Warum ist es in der Welt? Warum fasziniert es uns? Warum hat das Böse es in der Welt immer wieder so leicht, und warum tun wir uns mit der Liebe so schwer? Das sind Fragen, die mich seit langem immer wieder beschäftigen. Deshalb habe ich auch ohne Zögern zugesagt, als Axel Schneider mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, diesen Roman zu inszenieren. Das Schöne und Großgeglückte an diesem Text ist, dass er die philosophischen Fragen mit dem eher leichten Krimi-Genre verbindet.
IV
Dürrenmatts Bilder sind sicher beachtlich, wenn auch nicht so originär und stilprägend, wie es seine Literatur zu Zeiten war. Ich mag diese Doppelbegabungen, weil oft interessante Dinge herauskommen, wenn ein Künstler verschiedene Genres beherrscht und zusammenbringt. Es gibt Texte, denen man die große Musikalität ihres Autors anmerkt. Thomas Bernhards schreibt, als würde er Sinfonien komponieren. Dürrenmatts Texten merkt man an, dass er auch Maler ist. Er beschreibt nicht Bilder - er malt mit seiner Sprache, jedenfalls in seinen stärksten Momenten. Die Bilder in „Der Richter und sein Henker“ sind vom Expressionismus geprägt. Man sieht beim Lesen die scharfen schwarz-weiß Kontraste, Licht und Schatten, man denkt an bildstarke Filme wie „Der dritte Mann“ oder „M. Eine Stadt sucht einen Mörder“. Oder eben auch Orson Welles’ kongeniale Verfilmung von Kafkas „Der Prozess“.
V
Naja, wahrscheinlich können wir jedes Leben als eine Abfolge von von Untergang und Neuanfang lesen, oder? Es ist nur die Frage, wie stark die Ausschläge sind, manche steigen und fallen heftiger, bei anderen geht es sanfter auf und ab. Über Dürrenmatts Leben weiß ich nicht so viel wie über seine Bücher und seine Kunstauffassung. Meine Arbeit beginnt immer mit einer möglichst intensiven und genauen Lektüre des Textes. Großgeglückte Literatur ist unter anderem daran zu erkennen, dass im Text selbst alles Wesentliche zu entdecken ist, ganz unabhängig von der Biographie des Autors. Wenn ein Roman so gut geschrieben ist wie „Der Richter und sein Henker“, kann ich ihn verstehen wie ich einen Menschen verstehe, in dem sich die Welt spiegelt.
VI
Dass Gerechtigkeit als Mythos entlarvt wird - ja, das ist ein Aspekt in diesem facettenreichen Werk. Die Welt kann ja leider nie ganz gerecht sein, die Unterschiede zwischen Menschen, Ländern, politischen Systemen sind zu groß, als dass sie wirklich ausgeglichen werden könnten. Zerstörerische Kräfte setzen sich immer wieder durch und kommen oft all zu leicht davon. Die Gerechtigkeit hat es manchmal schwer, weil sie beim Kampf gegen das Ungerechte an Regeln gebunden und schwerfälliger ist als die Ruchlosigkeit. Aber wenn wir im Kampf für die Gerechtigkeit mit unrechten Mitteln vorgehen, treiben wir den Teufel mit dem Beelzebub aus - und damit gewinnt das Böse dann doch. Von diesem ewigen Dilemma erzählt „Der Richter und sein Henker“.